Buchausschnitt: Funktionales Denken

Aus dem Buch „GANZ LEBENDIG SEIN“

Kapitel „Damit wir uns verstehen – Begriffsklärungen“

Abschnitt „Funktionales Denken“

Das funktionale Denken ist die wichtigste Voraussetzung, um das hier vorgestellte Weltbild verstehen und anwenden zu können. Um zu erklären, was wir unter funktionalem Denken verstehen, müssen wir es zunächst vom linearen Denken abgrenzen.

Lineares Denken bildet Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge, sogenannte Kausalketten. Wir nennen es auch mechanistisches Denken. Lineares Denken ist eindimensional – auch wenn viele Wirkfaktoren berücksichtigt werden.
Die einfachste Form linearen Denkens ist das horizontale Denken. Es trennt, unterscheidet und kategorisiert. Das Ganze wird in viele Teile geteilt und nach bestimmten Kriterien auf einer Ebene angeordnet.
Eine andere Form des linearen Denkens ist das vertikale Denken. Es zerlegt das Ganze ebenfalls in Teile, geht dann aber einer Fragestellung bis in die Tiefe nach. Wir nennen es auch das analytische Denken. Die überwiegende Mehrheit wissenschaftlicher Forschungen basiert auf analytischem, vertikalem Denken. Die Ergebnisse solcher Forschung können uns keine Antworten auf grundlegende Fragen des Lebens geben, solange sie spezifisch und isoliert bleiben. Das heißt, wenn keine oder nur wenige Verbindungen zu anderen Gebieten und zum großen Ganzen hergestellt werden, sind diese Erkenntnisse für uns nutzlos. Erst wenn wir Verbindungen zwischen den Ergebnissen analytischen Denkens herstellen können, verstehen wir das Ganze und seine inneren Zusammenhänge. Dieses Denken nennen wir das synthetische Denken.

Für das funktionale Denken müssen horizontales und vertikales Denken, also Analyse und Synthese zusammenkommen. Erst dann wird es möglich, das Ganze zu erfassen.

Da sich die Wissenschaft in den letzten Jahrhunderten vorrangig mit der Analyse beschäftigt und die Synthese vernachlässigt hat, sind wir heute nicht in der Lage, das Wissen der Welt in der Tiefe, in der Analyseergebnisse und Detailverständnis vorhanden sind, ganzheitlich synthetisch zu erfassen. Wir können das Ganze immer nur so weit in der Tiefe erfassen, wie wir auch die Details im Gesamtzusammenhang verstehen.

Im Gegensatz zum linearen Denken ist funktionales Denken multidimensional. Es ist nicht vertikal oder horizontal, sondern verknüpft beides. Da es den Grundfunktionen der Energie folgt, pulsiert es und ist ständig in Bewegung. Das heißt, funktionales Denken ist nicht starr auf einen Punkt gerichtet, sondern wechselt fortwährend zwischen Einengung (Kontraktion) und Weitung (Expansion). Wenn wir funktional denken, erleben wir uns in einer wiederkehrenden Abfolge aus Analyse (vertikales Denken) und Synthese (horizontales Denken). In der Analysephase engen wir unser Denken ein. Wir kontrahieren bzw. konzentrieren uns auf das Wesentliche einer Fragestellung, um noch mehr Details zu erkennen. In der Synthesephase müssen wir den Blick wieder weiten, unseren Horizont ausdehnen und unsere Sichtweisen und unser vorhandenes Wissen immer wieder auf seine Aktualität überprüfen. Erst wenn es uns gelingt, die in der Analyse erkannten Details in der Synthese wieder zu einem sinnvollen Ganzen zu verbinden, dann können wir das Ganze erkennen und verstehen.

Ein Beispiel:
Alles im Leben hat einen Anfang, also muss auch das Weltall einen Anfang haben und den stellen wir uns als einen großen Knall vor, den Urknall. Der Urknall ist der Beginn einer unheimlich großen Expansion von Energie. Die Expansion können wir beobachten, den Urknall nur erahnen. Wir schlussfolgern: Das Universum entsteht und dehnt sich aus. Innerhalb dieser Expansion finden aber unzählige kleinere Kontraktionen und auch wieder Expansionsvorgänge statt. Warum auch nicht? Das ist Pulsation. Immer wieder kontrahiert und expandiert die Energie, das gehört zusammen. Wer aber annimmt, dass das Universum im Ganzen lediglich unendlich expandiert, ist in die Falle des linearen Denkens getappt. Auch hier sollte es einen dazugehörigen Kontraktionsvorgang geben. Das heißt, logisch wäre auch für die Geschichte des Weltalls eine andauernde Abfolge von Kontraktion und Expansion. Das heißt, es könnte sehr viele Urknalle gegeben haben, denen jedes Mal eine Phase der Ausdehnung und Entwicklung folgt, der wiederum eine Phase der Zusammenziehung und Rückentwicklung folgt, die in einen weiteren „Urknall“ mündet, dem wiederum eine Expansion folgt usw. In einer unendlichen Folge könnte so das Universum immer wieder neu entstehen und vergehen. Es könnte sich jedes Mal völlig anders entwickeln, völlig andere Erscheinungen oder Wesen hervorbringen, von denen wir nie etwas mitbekommen, weil bei jedem neuen Urknall alles Bestehende endgültig vergeht – ohne Spuren zu hinterlassen. Ein unendlicher Zyklus von Werden und Zerfallen. Das ist funktionales Denken.

Warum ist funktionales Denken so wichtig?
Die Entwicklung des Ganzen verläuft weder nach dem Zufallsprinzip (Chaostheorie) noch folgt sie einem vorbestimmten Plan (Gott, Schicksal oder ähnliches). Sie beruht auf den drei Grundfunktionen der Energie, die den Rahmen für jede Entwicklung vorgeben. Innerhalb dieses Rahmens geschieht die Entwicklung zwar nach dem Prinzip Versuch und Irrtum, aber nicht zufällig, sondern entsprechend den gegebenen Möglichkeiten. Das heißt beispielsweise, dass eben nicht zufällig das Gefieder eines Vogels bei einer Mutation von rot nach blau wechselt, sondern dass immer wieder alle möglichen Farbmutationen auftreten, aber nur diejenigen überleben, die unter den aktuell gegebenen Bedingungen die größte Vermehrungsrate aufweisen – und wenn gerade viele Feinde da sind, die Vögel mit rotem Gefieder auf dem Speiseplan haben, weil sie blau nicht so gut sehen können am blauen Himmel, dann werden die blauen Vögel seltener gefressen, können sich schneller vermehren und überleben, während die mit rotem Gefieder aussterben (was wiederum dazu führen könnte, dass Mutationen bei den Feinden, die eine bessere Fähigkeit entwickeln, Vögel mit blauem Gefieder zu erkennen, zu einer stärkeren Vermehrung der Fressfeinde führen, die Vögel mit blauem Gefieder jagen).
Lineares Denken analysiert bis ins Unendliche und führt daher in eine Sackgasse. Nur mit funktionalem Denken können wir die vielen Details unseres Wissens, das wir durch umfangreiche Analysen gefunden haben, in einen sinnvollen Zusammenhang bringen und so ein stimmiges Bild vom großen Ganzen entwickeln.

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